Tage wie diese..

rad1Mein Kopf schüttelt immer noch verschiedene Gedanken hin und her.. ich versuche Vergleiche zu ziehen zwischen dem was ich heut morgen beim aufwachen vom Tag erwartet habe und dem wie es bis jetzt verläuft. Selbstverständlich haben wir uns das alles anders vorgestellt, aber wie bei vielen Dingen im Leben hat man nun mal nur geringfügig Einfluss auf ein Großteil dessen, was einem widerfährt.

Nach mehrmaligem tiefen durchatmen kehrt langsam Ruhe im Inneren ein und man pendelt seine Emotionen wieder ins Gleichgewicht. Ich setze mich ins Auto und schließe beim drehen des Schlüssels die Augen, es ist ein kurzes Gebet: “Bitte spring an!”, denn die Szenarien wenn wir das Auto nicht zum Laufen bekommen sind angesichts unserer Position auf der Landkarte alles andere als rosig.

Das Auto springt an als wäre nichts gewesen. Ich sehe das die Scheinwerfer Licht auf den Schnee werfen und genieße das Geräusch, dass die Scheibenwischer noch funktionieren. Wir setzen das Wohnmobil zurück und drehen es wieder in Fahrtrichtung. Warnblicklicht an und aussteigen. Zu unserer Verwunderung sieht man fast gar nichts. Unser Wohnmobil verfügt über eine riesige Kunststoffstoßstange die fast 50cm hoch ist und den Aufprall fast vollständig abgefangen hat. Der Tatsache, das sich vor der Felswand der hohe weiche Schneehaufen aufgetürmt hat und wir vor dem Aufprall nicht mehr sehr schnell gewesen sein können, ist es zu verdanken, dass das Auto fast unbeschädigt ist. Bis auf das Glas des linken Nebelscheinwerfers und ein paar Beulen am Nummernschild hindert uns also nichts am weiterfahren. Ich trete noch 2-3 mal vorsichtig gegen das Nummernschild um zu sehen ob es noch fest ist. Alles klar. Aufsitzen….

Wir fahren also weiter… viel gesprochen wird nicht, denn wir sind mit unseren Gedanken beschäftigt und müssen erstmal zur Ruhe kommen. Ich könnte einen Drink vertragen, aber ich muss ja fahren. Wir drehen das Autoradio auf. Es läuft ein Mix vom “Wanderzirkus / 3000grad Festival aus Berlin”, dass mich auf andere Gedanken bringen soll. Nach ca. 15 km muss ich kurz anhalten weil unsere Scheibenwischer wieder zu sehr schlieren und ich sie säubern muss. Das tu ich hier mitten auf der Straße… es ist eh niemand weit und breit den es interessieren könnte. Ich stell mich vors Auto und greife nach dem ersten Scheibenwischer… das Auto rollt auf mich zu!?!? Erlaubt sich Maik nach so einer Aktion einen Scherz? Wenn ja bin ich dafür grad nicht empfänglich. Ich blicke hoch und seh ihn verträumt auf dem Ipad rumtippen… Scheiße. Die Handbremse. :D

Ich springe ums Auto an die Fahrertür und ziehe die Handbremse die bei diesem Fahrzeug auf der anderen Seite des Sitzes ist, also direkt an der Tür. Maik bekommt glaub gar nichts mit davon. Ich begebe mich wieder vors Auto und…. unser Nummernschild ist weg. Bleibt uns denn heute nichts erspart? Müssen wir jetzt die 15 Kilometer zurückfahren und es suchen? Ich bin genervt und spring ans Steuer um Maik aufzuklären. Wir drehen und… da liegt es. Erleichterung. Das Auto muss mich beim rollen am Bein getroffen haben und das Nummernschild hat sich daraufhin irgendwie gelockert. Ich habs nicht mitbekommen weil ich zur Handbremse eilen musste. Nun gut… wir werfen es aufs Armaturenbrett damit es schnell weitergehen kann.

Nach einer Weile erreichen wir einen Imbiss an dem wir vor 7 Tagen auf der Hinfahrt schon gehalten haben. Das letzte mal war er noch geschlossen, weil alle hier erst gegen Mittag ihren Tag beginnen. Heute ist er offen… und genau das was wir brauchen. Erstmal was essen und runterkommen. Beide einen Kaffee… Maik lässt sich von einem dicken, unfreundlichen, behaarten Ukrainer eine Pizza machen. Er fragt in gebrochenem englisch mit witzigem Dialekt “one Person? two Person?”. Wir versuchen ihm mitzuteilen das die normale Größe ausreicht, weil mir grad nicht nach essen ist. Die Pizza kostet 12 Euro was hier oben ganz normal ist. Als sie kommt sind wir überrascht wie groß sie ist und das sie relativ gut duftet. Sie ist spärlich belegt, aber hey… das spielt heut alles keine Rolle.

Maik isst und erbarmt sich dazu mir 2 Stücken abzugeben… Kaffee leeren, noch mal aufs Klo, denn eigentlich wollen wir heut mindestens noch 500km fahren.

Die Pause tat gut, denn die Laune geht wieder nach oben. Laute Musik. Ein Red Bull. Wir machen Witze über den Ukrainer und seine Frau die wortlos und ohne jede Regung hinter der Theke stand. Es fühlt sich wieder an wie vor unserem Dreher… die Stimmung ist ausgelassen. ich klopfe den Beat des Mixes im Radio auf dem Lenkrad, stell es lauter und wippe mit dem Kopf… Es rummst und das Auto schlackert… Eigentlich nichts ungewöhnliches, da viele Abschnitte hier oben durch die Schneeketten sehr wellig sind. Wahr wohl ein Schlagloch und dann ein welliger Abschnitt ist mein erster Gedanke… aber irgendwie… hmmm… das Lenkrad ist unwahrscheinlich unruhig: “Ist das das Auto oder die Straße?” will ich von Maik wissen. Ich blicke auf die Straße… kein Schnee mehr. Glatter Asphalt. Mein Blick geht nach oben in den Himmel: “Was hast du heute gegen uns?”

Wir halten an und Maik springt als erster raus… blick nach hinten… ich weiß nicht was es ist was ich in seinen Augen sehe… es ist ein Mix aus Fassungslosigkeit und Enttäuschung. Auf jedenfall ein Mix der mir nicht gefällt. Ich gehe ums Auto und blicke auf das Hinterrad. Sekundenlang… schweigend… ich glaube eine ganze Minute… der reifen ist geplatzt… aber nicht irgendwie.. es hat ihn komplett zerrissen… überall Gummifetzen, Drähte die aus dem Reifen schauen. Wieso ist da soviel Draht im Gummi frag ich mich. Hmm… so hab ich noch keinen Reifen ausschauen sehen… der ist völlig im Arsch. Irgendwie passt das zum heutigen Tag.

Mein erster Gedanke ist: “Das letzte worauf ich jetzt noch Bock hab ist bei diesem Wetter.. hier am Arsch der Welt im Matsch nen Reifen wechseln.” Am liebsten würd ich Maik bitten das er es alleine tut und mich zum schlafen in die Kabine legen.

Es hilft ja nichts. Also gut.. erstmal koordinieren. Ich glaub wir haben ein Ersatzrad bei. Es befindet sich unter dem Auto in einem Gittergestell. Ich kenn mich mit derartigen Vorrichtungen nicht aus, da alle Autos die ich bisher gefahren hab ihren Ersatzreifen im Kofferraum hatten. Ich knie mich in den Matsch… eine Hand auf die Straße um unters Auto zu schauen und zu verstehen wie ich den Reifen dort löse. Maik verschwindet ins Auto und stellt alles auf den Kopf um Werkzeug zu finden. Wo der Wagenheber ist wissen wir. Maik findet an unterschiedlichen Stellen im Auto vereinzelt irgendwelche Tools… einen Schraubenzieher… einen 13ner Maulschlüssel… und den Schraubschlüssel für die Radmuttern. Leider benötigen wir aber zum lösen des Ersatzrades einen 15ner… wir suchen. Wir finden nichts. Wir stehen auf der Straße und schauen uns an… minutenlang. Keiner sagt was… ich denke nicht an den Schlüssel und nicht an den Radwechsel… ich denke an zu Haus.

Auf der Gegenfahrbahn taucht ein Auto auf… ich signalisiere das es anhalten soll und will nach einem 15ner Schlüssel fragen… Der Fahrer hat seine Frau neben sich und 2 junge Kinder auf der Rückbank. Er sieht 2 große vermummte Männer mit Handschuhen. Er wird langsamer… dann fährt er vorbei. Ich muss schmunzeln, denn ich verstehe ihn :)

Die nächsterad2n 3 Autos die im Abstand von 5-10 Minuten vorbeifahren halten wenigstens an und öffnen die Fensterscheibe Daumenbreit um sich anzuhören was ich zu sagen hab. Ich komm mir vor wie ein Verbrecher… keiner traut sich die Fensterscheibe richtig zu öffnen.
Der dritte Wagen ist wieder eine Familie… bevor ich überlege ob es überhaupt Sinn macht weiter zu fragen halten sie konsequent an und lächeln mich an. Ich halte den Schraubenschlüssel hoch und frage nach einem größeren. Die Frau springt aus dem Wagen und sagt auf deutsch: “Ich schau mal nach, aber ich glaube nicht”. Der Mann bleibt im warmen Auto und spielt mit dem Radio :D

Ich bin erleichtert. Diese Frau ist unwahrscheinlich motiviert mir zu helfen. Es ist ein Kombi… hinten alles voll mit Koffern, Tüten und anderem Gepäck. Ich kann gar nicht so schnell gucken wie sie alles auf die Straße räumt, während ich versuche wenigstens die schweren Koffer zu nehmen, worauf sie nur meint: “lass man, ich mach das schon”. Das kleine Mädchen hinten lehnt mit verschlossenen Armen, lächelnd auf der Rücksitzbank in Richtung Kofferraum und sieht gespannt zu. Kein Schlüssel… dennoch Danke. Es kommen keine weiteren Autos. Ich entschließe mich meinen Schwiegervater anzurufen. Meine Schwiegermutter geht ans Telefon und freut sich das ich mich melde… ich hab keine Kraft zum lächeln. “Hi Yvonne… Kann ich mal Jens sprechen?” Sie: “Der ist im Skiurlaub”… ich überlege für einen kurzen Moment mein Handy gegen einen Baum zu werfen, kann mich dann aber doch noch beherrschen. Wir vereinbaren das sie versucht ihn zu erreichen und er sich dann bei mir meldet. Das geht ziemlich schnell. Er erklärt mir wo der benötigte Schlüssel liegt, besser gesagt eine Art Konstruktion mit der man das Ersatzrad hinabkurbelt. jetzt dürfte es eigentlich schnell gehen, denn in Sachen Reifenwechsel bin ich ziemlich erfahren. Schrauben lockern. Auto anheben. Schrauben ab. Rad ab. Alles im Matsch. Schöner Scheiß. Ersatzreifen herholen dranstel… Moment… die Radaufhängung sitzt zu tief. Das passt nicht!?!? Falscher Waagenheber. Er geht nicht hoch genug.

Kurzes innerliches Ausrasten.

Wir probieren verschiedene Ansatzpunkte am Auto… immer wieder Waagenheber runter… woanders probieren. Wieder hoch. Wir überlegen diverse Szenarien. Was kann man drunter stellen, auf den Waagenheber packen, unter den Waagenheber packen?? Wir finden nichts außer einen so genannten “Bock”. Eine Pyramidenförmige Eisenkonstruktion die man, wenn man das Auto angehoben hat, als Sicherung darunter stellen kann. Wir platzieren sie und ich habe die Idee, den Waagenheber zu lösen und dann unter die Radaufhängung zu stellen um diese dann anzuheben und die Stoßdämpfer einzufahren… alles etwas riskant… alles ziemlich heikel… aber es funktioniert. Rad dran. Einräumen. Genervt sein. Das Ersatzrad ist gefühlt 20 Jahre alt. Noch eins haben wir nicht. Wir müssen noch 2200 Kilometer.