Der Polarkreis

y7t2ajbwWir haben ihn vor wenigen Tagen zum ersten Mal durchquert, den Punkt, der das Polargebiet einläutet. Er liegt ziemlich genau zwischen dem 66. und 67. Breitengrad der Nordhalbkugel und ist in Norwegen nur über die E6 passierbar. Es ist ein Teil der Erde der seine eigenen Gesetze hat. Es gibt Tage an denen die Sonne nicht untergeht und umgekehrt welche, an denen sie sich gar nicht erst zeigt.. umso weiter man in die Arktis eintaucht um so kälter wird es… und da sprechen wir hier von Temperaturen bis zu minus 70 Grad Celsius.

Als wir den Polarpass das erste Mal durchfuhren erlebten wir auf einer Länge von über 80 Kilometer ein beeindruckendes Schauspiel der Natur… denn man sah nichts außer Schnee und blauen Himmel… und genau das machte es so faszinierend. Die Sonne schien und über uns alles wolkenlos hellblau… um uns herum alles weiß… keine Sträucher, Bäume, Häuser, Menschen oder etwas anderes, dass durch die weiße Schneedecke drang. Es gab nur Himmel, die Sraße und Schnee… der blaue Himmel färbte den Schnee leicht bläulich und gab Kilometerweite Aussicht auf eine Landschaft die so ruhig war, das es fast gespenstisch wirkte. Nach 40 Kilometer kam dann das Hinweisschild auf den Polarkreis und ein kleines Polarcenter, das tief im Schnee eingebettet war.

Wir waren fasziniert davon wie wir diese Region der Erde erleben durften, denn aus den Medien kannten wir den Polarkreis immer nur als tiefgraue Schneesturm Region bei der man im Fernseh wenn überhaupt immer nur Umrisse und Konturen von etwas erkennen konnte. Es scheint also auch ein paar wenige wirklich gute Tage hier oben zu geben, was aber die Ausnahme sein soll… denn meistens zeigt sich diese Region von einer ganz anderen Seite… So ein Tag ist heute!

Es ist 6.30 Uhr und wir wachen auf der letzten Station vor dem Polarpass auf. Hier kann man noch mal tanken, etwas warmes zu essen bekommen und sich über alles informieren. Heute ist Rückreisetag und wir sind fest entschlossen das oben beschriebene Schauspiel in faszinierende Bilder zu packen. Es gab auch schon den ein oder anderen Gedanken das Ganze etwas mit Humor zu verzieren, dass wir mit Badehose, Handtuch und Sonnenbrille aus dem Auto springen und schnell vor dem Polarkreisschild ein Foto schießen. Aber all das wird ziemlich schnell zunichte gemacht…

Wir verlassen den Rastplatz und stellen sofort fest das unwahrscheinlich viel Schnee auf den Straßen liegt… es ist Sonntag morgen… vielleicht wurde einfach nur noch nicht geräumt, denken wir. Kurze Zeit später leuchtet in großer roter Schrift ein Hinweisschild am Straßenrand, dass der Pass gesperrt ist.

Gesperrt? Es ist die einzige Straße!?! Ich bin mir nicht im Klaren darüber was ich mit dieser Information anfangen soll, denn es gibt ja keine Alternative, weshalb ich aufs Gas trete und einfach weiter fahr.. von hier an wird im Grunde alles schlechter: das Wetter, die Sicht, die Straßenverhältnisse. Wir kommen an einen Punkt wo ich mit dem Gedanken spiele umzukehren, weil unser Fahrzeug für derartige Straßenverhältnisse nicht gebaut ist und ich rein gar nichts mehr sehe… ich hab Angst stecken zu bleiben, was hier wohl der denkbar schlechteste Ort dafür wäre.

Kurz bevor ich meinen Gedanken in die Tat umsetze sehe ich ein rotes Leuchten. Wir gelangen an eine geschlossene Schranke… Ganz Klasse… bis zum Rastplatz zurück sind es über 50 Kilometer auf einer Straße die kaum noch passierbar ist. Vor dieser Schranke steht jedoch ein PKW mit laufendem Motor, daneben ist eine Wetterstation. Ich reihe mich also hinter diesem Fahrzeug ein und steige aus.

Ich klopfe an die Fensterscheibe die ziemlich beschlagen ist. Das Auto muss schon eine ganze Weile hier stehen. Die Scheibe fährt runter und ein lächelnder ca. 26 Jahre alter Norweger mit Vollbart schaut mich an. Ich begrüße ihn mit “Hi Mate”, er kontert grinsend: “How are you doing Buddy?” :) Sehr schön… wir schwimmen direkt auf einer Wellenlänge… es entsteht ein kurzes Gespräch in dem er mich darüber aufklärt, dass die Sperrung etwas alltägliches sei. Auf die Frage was ich tun kann wird sein grinsen noch breiter… Entweder warten oder einen 2000 Kilometer langen Umweg über Schweden fahren. Er selbst muss ins ca. 600 Kilometer entfernte Trondheim und gibt mir zu verstehen dass ihm gar nichts anderes übrig bleibt als zu warten. Er scheint darauf vorbereitet zu sein, denn auf seinem Beifahrersitz liegen Unmengen an Lebensmitteln und eine dicke Decke. Wie geht es also weiter möchte ich von ihm wissen, während es immer unangenehmer wird vor dem Auto im freien zu stehen. Er erklärt mir noch kurz das Räumfahrzeuge kommen und wir in einer Kolonne den Pass durchfahren. Alles klar… zurück ins Auto und warten…

Mittlerweile ist mehr als eine Stunde vergangen und hinter uns haben sich 2-3 LKWs positioniert… alle Autos lassen den Motor an. Umweltschonendes Verhalten scheint in dieser Situation wohl Nebensache zu sein. Da sich aber alle hier besser mit diesem Prozedere auskennen als ich, halte ich es für das Beste es ihnen gleich zu tun.

Das geht noch ein paar Minuten so weiter bis sich plötzlich auf der Gegenspur die Schranke öffnet und ein Räumfahrzeug auf dem Pass auftaucht… dahinter ca. 6 Autos. Jetzt haben auch wir das Prinzip verstanden und machen uns Abfahrbereit. Das scheint aber dem Fahrer des Räumfahrzeuges egal zu sein, der für weitere 30 Minuten in der Wetterstation verschwindet.

Als er wieder hinauskommt mach ich mir große Sorgen, dass ich nicht mehr vom Fleck weg komme… denn das Wetter ist nun mehr als schlecht und um unsere Reifen haben sich durchs starke Schneetreiben kleine Berge aufgehäuft. Ich seh grad noch so die Rücklichter des PKWs vor uns. Das Räumfahrzeug fährt vor die Schranke. Der Fahrer steigt aus und gibt dem letzten PKW ein Funkgerät, was ich irgendwie besorgniserregend finde. Die Schranke öffnet sich und wir setzen unsere Kolonne in Bewegung.

Von hier an sind es 80 Kilometer Kampf durch den Schnee… von unserem ersten Aufeinandertreffen mit dem Polarkreis ist nichts übrig geblieben. Ich seh weder den Straßenrand, noch das Räumfahrzeug, aber ein Großteil des Schnees der mir lawinenartig auf die Frontscheibe fliegt scheint von ihm aufgewirbelt zu werden. Ich starre eine gute Stunde voll konzentriert auf die Rücklichter meines norwegischen “Buddys” und hoffe das der Abstand zu ihm nicht so groß wird, dass auch sie noch vor mir im dunklen Grau verschwinden.

Irgendwann erreichen wir das andere Ende des Passes an dessen Schranke schon wieder 4 Trucks warten. Das Räumfahrzeug fährt zur Seite und sammelt das Funkgerät wieder ein… von hier an ist man wieder auf sich allein gestellt.. worauf ich grad nicht die geringste Lust hab… denn dafür das ich erst vor 3 Stunden aufgestanden bin, bin ich durch den hohen Einsatz an Konzentration schon wieder ganz schön fertig und die Straße ist ohne Räumfahrzeug das vorne weg fährt eine Zumutung. Bis zu dieser Stelle dachte ich aber, dass der anstrengendste Teil des Tages überwunden sei…