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Es geht also weiter Richtung Trondheim… noch knapp 500 Kilometer durch verschneite Landstraßen. Jetzt, wo das Wetter etwas klarer wird, sieht man wieder wie wunderschön diese Natur hier aussieht. Hohe Berge, unzählige Tannenbäume die Schnee auf ihren Ästen tragen… zugefrorene Seen und Flüsse auf denen große Schollen treiben, man versucht sich immer wieder vorzustellen wie idyllisch das alles im Sommer aussehen mag, leider haben uns aber die letzten Tage ziemlich zugesetzt so das wir es im Moment nicht wirklich genießen können. Der kleine Konzentrationsmarathon durch den Polarpass vor wenigen Minuten scheint vergessen und wir verfallen in die gewohnte “Fahrroutine”. 5000 Kilometer haben wir jetzt auf der Uhr… das Navi zeigt eine Gesamtfahrzeit von über 60 Stunden… und das in grade mal 9 Tagen. Es fühlt sich an, als ob wir seit unserer Abreise in Magdeburg das Auto kaum verlassen hätten. Man versucht seine Sitzposition möglichst kreativ so zu verändern, dass man Regionen belastet die noch nicht schmerzen und das obwohl die Sitze eigentlich relativ bequem sind…

Auf der Straße liegt rund 8cm Schnee, eine richtige Fahrspur ist nicht zu erkennen. An den Fahrbahnseiten türmen sich große Schneehaufen die von den Räumfahrzeugen der letzten Tage beiseite geschoben wurden. Das Auto ist nach wie vor schwerfällig bei diesen Straßenverhältnissen und verlangt das man bei der Sache bleibt… vor der Kurve noch mal blinzeln und dann die Augen auf die Strecke… Handposition auf 10 und 2 Uhr… wie man es in der Fahrschule gelernt hat und versuchen das schwere Gefährt in der Spur zu halten… auf den Graden dann meist kurze Verschnaufpause… mal einen Blick auf die Instrumente werfen, mal eine Hand vom Lenkrad nehmen um die Klamotten zu richten… Bei allem anderen versucht Maik mich so gut zu unterstützen wie es geht und reicht mir führsorglich alles, damit ich mich aufs fahren konzentrieren kann. Ich führe meine Hand vom Lenkrad zum Kopf und bringe meine Brille wieder in Position. An der Fahrbahnseite eine tiefe Senke. Von Schnee bedeckt sodass man sie nicht sieht.

Sekunde 1:
Das Auto senkt sich auf der Beifahrerseite plötzlich ab. Das Rad setzt auf und dreht ein. Das Lenkrad bekommt einen Schlag und unser Wohnmobil bricht in Richtung der Gegenfahrbahn aus. Scheiße.
Zweite Hand ans Lenkrad. Wir drehen uns immer weiter… ich versuche kontrolliert gegenzulenken und nicht hektisch zu werden… es hilft nicht… ich lenke Schneller… das Lenkrad stoppt an der maximalen Position. Wir drehen weiter… jetzt rutschen wir fast waagerecht auf der Straße und immer weiter auf die gegenüberliegende Fahrbahnbegrenzung.

Sekunde 2:
Von hier an fühlt es sich an, wie es sonst in den großen Hollywood Blockbustern inszeniert wird, denn die Zeit scheint plötzlich im Zeitraffer zu verlaufen… ich habe das Gefühl das alles um mich rum langsamer wird und wir wie in Zeitlupe auf den Abhang zusteuern, der hinter dem Schneehaufen liegt. Meine Sinne explodieren förmlich vor Informationen… das muss der Adrenalinausstoß sein, der uns Menschen schon in der Steinzeit alle Kraftreserven öffnete damit wir in Gefahrensituationen über uns hinauswachsen. Meine Hände krallen sich immer fester… ich spüre wie meine Fingernägel sich ins Gummi des Lenkrads bohren… das Auto reagiert einfach nicht auf das was ich tu… es rutscht frontal auf den Schneeberg der Gegenfahrbahn zu… Ich denke mir das wir unwahrscheinlich schnell sind… es kommt mir vor als würden wir durchs rutschen noch schneller werden… der aufgehäufte Schnee am Fahrbahnrand kommt näher. Keine Leitplanke. Unser Auto wiegt 3 Tonnen. Ich realisiere das wir jede Sekunde den Schneehaufen durchbrechen und dann geht’s nur noch Bergab.. ich fühle, wie jede Pore meines Körpers einen Schweißtropfen auspresst… ist das Todesangst? Mein Arme verkrampfen.. ich atme gefühlt seit einer Ewigkeit nicht mehr… noch 1 Meter… der letzte Meter… Mein Gedanke: “Bitte jetzt noch nicht”…

wir werden etwas langsamer… die Vorderreifen greifen und das Auto schleudert herum…

Sekunde 3:
Als hätte jemand gegen das Heck des Autos getreten schleudert plötzlich das ganze Wohnmobil in die Andere Richtung. Ich werde gegen meine Fahrertür geworfen und muss nun versuchen das Lenkrad wieder in die andere Richtung zu reißen… wir wenden uns komplett vom Abhang ab… ich seh ihn nicht mehr… Gelassenheit… ich fühle eine riesen Erleichterung… Die Zeit scheint wieder im Normaltempo abzulaufen… wir sind aber immer noch Schnell… Scheiße. Wir sind immer noch viel zu schnell. Andere Fahrbahnseite. Gleicher Schneehaufen. Dahinter Felswand. Lenken, lenken, lenken…. das Lenkrad rastet ein. Dreh doch einfach du Scheißkiste… nichts passiert. Jetzt knallts. Ich kneife die Augen zu. RUMMS. Sicherheitsgurt.

Wir sind fast frontal in den Schneehaufen gefahren und haben ihn gegen die Felswand geschoben. Ich öffne nur langsam meine Augen… sehe durch meine Wimpern die rot/blau unterlaufenen Knöchel meiner Hände die immer noch verkrampft mit ganze Kraft das Lenkrad umschließen. Mein Herz pocht so laut als würde es direkt in meinem Kopf schlagen und nicht in meiner Brust.. ich fang an Luft zu holen… Blick zu Maik. Alles okay. Abschnallen. Raus aus der Kiste…

Maik steigt kurz vor mir aus und versucht sich vor das Auto zu bewegen um einen Blick zu werfen was kaputt ist. Ich hingegen gehe wie benebelt über die Straße und schau den Abhang runter… Fuck. Das wärs gewesen… Ich spüre wie blut durch meine Venen schießt… mein Brustkorb vibriert wie ein Vorschlaghammer. ich dreh mich um und schaue zu Maik.

Dicht hinter uns war ein Fahrzeug, dass beim bremsen auch etwas ins Schlingern kam… es ist der Norweger von der Polarschranke der nun plötzlich hinter uns war. Er muss wohl irgendwo kurz rast gemacht haben. Er kurbelt die Scheibe runter und sieht mich völlig entsetzt an: “Everything all right, Buddy?”

Ob alles in Ordnung ist?? Was ist denn das für eine dämliche Frage denk ich mir!?? Ich bin gefühlt am Ende der Welt… 500km weg von der nächsten nennenswerten Zivilisation… 500km weg von einer Autowerkstatt… ich blicke wieder den Abhang hinunter… und spüre das ich irgendwie neben mir steh..  ich spüre wie der Angstschweiß von meinen unterarmen in meine Handflächen läuft… das wäre es gewesen… so schnell… ich will zu meiner Familie… ich will zu meiner Freundin… ich will jetzt augenblicklich hier weg. Ich hab genug von Norwegen… Herzschläge… meine Emotionen spielen Achterbahn… meine Augen werden glasig… ich schein die Kontrolle zu verlieren.

Er Fragt noch mal: “Buddy??”
Ich blicke zu ihm auf und tu das was Männer in solchen Situationen tun: Erstmal nen dummen Spruch bringen um die Situation zu entschärfen:

“Hast du’s gefilmt Kumpel? Gibt ordentlich Klicks bei Youtube!”

Er fängt an zu lächeln und antwortet. Aber ich höre es nicht… ich seh nur wie sein Mund sich bewegt. Ich bin mit den Gedanken ganz woanders. Ich denke an zu Haus… Ich denke an meine Familie und meine Freundin..  ich fühle mich plötzlich lebendig… jetzt muss auch ich lächeln…